Kinderliteratur als kulturelles Gedächtnis. Beiträge zur historischen Schulbuch-, Kinder- und Jugendliteraturforschung II
[= Kinder- und Jugendliteraturforschung in Österreich. Veröffentlichungen d. Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung; 18]
2021, ISBN 978-3-7069-1091-0, 422 S., Klappenbrosch.
€ [A] 38,00 / € [D] 37,00
Open Access: DOI: doi.org/10.23783/9783706910910
Bei den hier erstmals veröffentlichten Romanen Hermynia Zur Mühlens (1883-1951) - "Er heiratet nicht für Geld", "Das tote Schloß" sowie "Der Hexenkessel" - handelt es sich um drei bisher unbekannte Werke der 'roten Gräfin', die zu Beginn der 1930er Jahre in österreichischen und tschechischen Zeitschriften und Zeitungen als Fortsetzungsromane publiziert wurden, bzw. Anfang der 1950er Jahre, zur Zeit ihres englischen Exils, in einer schweizerischen Zeitschrift. Ersterer, ein Kriminalroman, der an ähnliche, während der 1920er Jahre unter dem Pseudonym Lawrence Desberry erschienene Werke der Autorin erinnert, spielt im faschistischen Italien; der zweite, ein Schauerroman im Stile britischer 'Gothic Novels', ist im französischen Savoyen angesiedelt; der dritte, eine Art von Politroman, handelt zu Beginn des 20. Jahrhundert in Marokko vor dem Hintergrund des Ringens der europäischen Großmächte um die Vorherrschaft in dem nordafrikanischen Land.
Die drei Romane wurden vom Herausgeber aus den jeweiligen Zeitschriften bzw. Zeitungen transkribiert und werden hier - versehen mit Anmerkungen sowie einem Vorwort - einer deutschsprachigen Leserschaft erstmals vorgestellt, in der Hoffnung, die Kenntnis des Werkes Zur Mühlens weiter zu vertiefen.
Hermynia Zur Mühlen wurde 1883 als Gräfin Folliot de Crenneville-Poutet in Wien geboren und entstammte einer der angesehensten Familien der Monarchie. Ihr Leben war geprägt vom Widerstand gegen die Familie, gegen die Unterdrückung der Frau, gegen soziale Ungerechtigkeiten und gegen den Faschismus. Dank ihrer proletarischen Märchen, in denen sie dem Arbeiterkind komplexe gesellschaftliche Prozesse in einfacher Weise zu erklären versuchte, zählte sie zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen der proletarisch-revolutionären Literaturbewegung der Weimarer Republik. Außerdem übersetzte sie nahezu 150 meist sozialkritische Werke russischer, französischer, englischer und amerikanischer AutorInnen, u.a. Upton Sinclair.
In ihren eigenen Romanen verknüpfte sie vielfach die Erfahrungswelt der Aristokratie mit sozialistischen und frauenbewegten Problemstellungen. In ihrem nach ihrer Emigration verfassten Roman Unsere Töchter, die Nazinen schildert sie den Sieg des Nationalsozialismus, die Auswirkungen des Antisemitismus und die Formierung von Widerstand.
Murray G. Hall stellt das Werk „Die Seele des André Garaine“ von Marietta Eidlitz, einen deutschen Jugendroman im Zeitalter der Psychoanalyse, aus dem Jahr 1930, vor. „Kinderbuchthematisierungen als Ironie mit tieferer Bedeutung – in besonderer Beachtung von Arno Geigers Roman „Es geht uns gut“ und Barbara Frischmuths „Verschüttete Milch“ nennt Ernst Seibert seinen Beitrag. Ulrike Eder stellt die Frage: „Was machen die Mädchen, und was machen die Jungs in der Kinder- und Jugendliteratur?“ und nähert sich dem Thema mittels grundlegender Analysekonzepte der „Gender Studies“ kritisch an. Unter dem Titel „Musils Kinder – Essayistisches Schreiben in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur“ greift Stephanie Jentgens Robert Musils im „Mann ohne Eigenschaften“ geprägten Begriff des Essayismus auf und stellt die Frage, inwiefern essayistisches Schreiben in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur zu finden ist. In „Zu jung für die Narratologie? – Altersmarker im Werk von Andreas Steinhöfel“ setzt sich Nicola König mit vier Werken des innovativen Autors auseinander. Mirijam Steinhauser schreibt über „Sorglose Fabulierkunst in Text und Bild – Franz Josef Tripps Illustrationen zu Erica Lilleggs Kinderroman „Feuerfreund“ (1957)“. Andreas Wicke schrieb über „Erzählinstanz ja, Erzähler ungern. Narratologische Überlegungen zu den Erzähl(er)-Experimenten in Thilo Refferts Kinderhörspielen“. Unter dem Titel „Struwwelpeter im Wiener Satireblatt Der Floh“ zeigt die Struwwelpeter-Sammlerin und -Spezialistin Adelheid Hlawacek in unserer neuen Rubrik „Berichte aus der Praxis“, wie der Struwwelpeter 1872 in der bekannten Satirezeitschrift Der Floh für politische Zwecke eingesetzt wurde. Gertrud Guano stellt unter dem Titel „Barrierefreie Hörbücher und EBooks erleichtern das Lesenlernen bei Legasthenie / Dyslexie und ADHS-Buchknacker“ ein interessantes Projekt vor.
Mit der 51. Ausgabe wird "libri liberorum" auch digital und open access verfügbar sein. Die Zeitschrift wird es aber weiterhin auch in gedruckter Form geben. Die Bestellung des Heftes erfolgt über den Praesens Verlag.
Weitere Hinweise: oegkjlf.univie.ac.at/publikationen/libri-liberorum/
Kinderliteratur in Wien um 1800. [= libri liberorum 50 (2018), hg. v. Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung] 2018, ISSN 1607-6743, 122 S., brosch.
Der Sammelband enthält Texte von internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit deutschsprachiger, vor allem österreichischer Kinder- und Jugendliteratur im Zeitraum von 1918 bis 1945 befassen. Kinder- und Jugendliteratur erfüllt nicht nur unterschiedliche pädagogische Funktionen; es lassen sich auch divergente gesellschaftspolitische Strömungen ausmachen: Waren in den 1920er Jahren in Österreich starke aufklärerische Tendenzen zu beobachten, wurden diese im austrofaschistischen »Ständestaat« und unter dem Nationalsozialismus durch fremdenfeindliche, nationalistische Tendenzen zurückgedrängt oder auch verboten. Die Autorinnen und Autoren diskutieren in der Zwischenkriegszeit erschienene sowie im Exil entstandene Kinder- und Jugendliteratur. Dabei stehen vor allem die Produktionsbedingungen, die jeweiligen thematischen Schwerpunkte, die Illustrationen sowie die Verbreitung und Rezeption dieser Literatur im Vordergrund.